Alice
Gerade bin ich aufgewacht. In einem warmen Bett, sitze nun, es ist noch dunkel, in einem Licht erhellten, trockenem Zimmer und weiß, dass gleich ein duftender Kaffee für mich da sein wird. Sanfte Musikklänge versüßen mir den Morgen. Klingt gut, oder? Und ich weiß, dass es meiner Familie, Freunden und Freundinnen ähnlich geht, und vielen Menschen, die ich gar nicht kenne, auch. Und doch höre ich Klagen, allerorts. Verständlich, denn es gibt ja so viele Missstände auf der Welt, wir kennen die meisten. Es ist so leicht in diesen Raum einzutreten, den „Salvador“ den Mangelraum nennt. Der Raum, der in uns ist, in dem alles lebt, was uns fehlt, uns schmerzt, uns jemals verletzt hat, wo all die Dinge wirken, die uns vorenthalten wurden, uns geärgert, gestört haben, wo wir uns so richtig schlecht fühlen können. Dieser Mangelraum ist wirklich nicht zu leugnen, all dies, was in ihm abgespeichert ist, hat seine Berechtigung, ist echt, ist erfahren worden. Wie der Verlust von Alice. Alice, ein Hund aus dem Tierheim, hat uns 16 Jahre begleitet und unser Leben bereichert. Vor einem Jahr, kurz nach ihrem Ableben, saßen wir in Arcachon auf einer Bank und aßen Eis im Hörnchen. Irgendwann kam der Punkt, an dem noch eine kleine mit Eis gefüllte Spitze übrig war. Und da geschah es. Wir sahen uns an und Tränen rannen über unsere Gesichter. Auf diesen Teil des Hörnchens hatte Alice immer gewartet und nun sollten wir es selbst essen? Wir überließen das den Vögeln und uns der Sehnsucht und Trauer. Ein Mangelraum? Doch es gibt noch weitere Räume in uns, die wir öffnen dürfen. Zum Beispiel den, der Dankbarkeit. Und auch jetzt, wo mir schon wieder die Augen schwimmen, bin ich so unendlich dankbar für diesen wunderbaren Hund, der uns soviel Lebendigkeit geschenkt hat, uns Tag für Tag in den Wald gelockt hat, einsame Stunden mit mir teilte und uns gezeigt hat, wie sich bedingungslose Liebe anfühlt. Und Wärme breitet sich in mir aus, denn Dankbarkeit schenkt Fülle, zeigt uns den Reichtum, der uns zur Verfügung steht, tagtäglich in scheinbar profanen Situationen. Jemand beantwortet mein Lächeln, meine Frage nach dem Copyshop, meinen Telefonanruf, selbst mein Gebet für einen lieben Menschen. Dankbarkeit, kostenlose Herzmassage, wundervoller Lebensraum….




Kommentare